Das Steuer in der Hand, und die Maske fällt
Wir sind, was wir sind. Immer. Auch dann, wenn wir glauben, niemand schaut zu. Vielleicht gerade dann.
Der Straßenverkehr ist für mich eine Röntgenaufnahme von uns; einzeln und als Gesellschaft im Kontext Straßenverkehr. Kein anderer Alltag bringt so viele Menschen auf so engem Raum zusammen, auch noch unter Zeitdruck, mit unvollständiger Information, und mit echten Konsequenzen.
Und kein anderer Alltag zeigt so ungefiltert, wie jemand unter diesen Bedingungen mit anderen umgeht. Mit Fremden, denen man nichts schuldet und von denen man nie etwas zurückbekommen wird. Was dort passiert, ist weniger Zufall. Es ist eher Charakter-nah. Es zeigt Dich, mich, und andere. Alle ohne Masken, vom Heiligsblechle abgesehen.
Ein paar Angaben dazu.
- 1990 waren in Westdeutschland 30,7 Millionen Pkw zugelassen, in der DDR knapp vier Millionen – zusammen also rund 35 Millionen.
- 2024 sind es in Deutschland 49,1 Millionen Personenkraftwagen, als Teil eines Gesamtbestands von 60,7 Millionen Kraftfahrzeugen.
- Ein Anstieg von über vierzig Prozent in dreißig Jahren. Die Straßen sind dieselben geblieben.
- Mehr Fahrzeuge, weitgehend gleiche Fläche, mehr Kontaktpunkte, mehr Reibung. Mehr Rollen und Stehen als Fahren.
Was ich erlebe
Rechts überholen, wo es nicht vorgesehen ist. Oder auch standhaft auf der linken Spur fahren, während rechts alles frei ist. Diese Punkte greifen auf ulkige Weise ineinander. Einfädeln auf den letzten Metern. Und ja, auch Reißverschluss ist vorgesehen, aber dabei gibt‘s feine Unterschiede in der Umsetzung. Spurwechsel oder Abbiegen ohne zu blinken oder Schulterblick. Ich bin kein Regel-Papst, aber auf berechenbare Weise zu fahren, kommt für mein Verständnis allen zugute.
Das Smartphone, kurz hinunter, dann wieder hoch. Auf der Autobahn: der Parkplatz-Trick – raus aus der stehenden Kolonne, durch die Raststätte, an dreißig Wartenden vorbei, rein in die Lücke. In der Stadt: die Lücke schließen, die jemand anderem gedient hätte. Oder schnell noch über die Kreuzung, um diese zu blockieren. Klar, machen andere auch, dann bin ich ja nicht der Buhmann.
Gleichzeitig: das Einlassen, das früher manchmal eine Handbewegung war, kommt seltener. Der Fußgänger, dem jemand den Überweg freigibt – ich erlebe das noch, aber ich erlebe es weniger. Das könnte selektiv wahrgenommen und eingebildet sein. Es fühlt sich nicht so an.
Was ich ausdrücklich nicht sage: der Verkehr ist aggressiver geworden. Rücksichtslosigkeit und Aggression sind nicht dasselbe.
Drei Möglichkeiten, die ich erkenne
Die erste: jemand entscheidet sich bewusst, einen Vorteil zu nehmen. Regelkonformität wird gegen eigenen Gewinn abgewogen – das Ergebnis ist klar. Das ist Kalkulation.
Die zweite: jemand handelt aus einem affektiven Impuls heraus, der sich vor den Gedanken schiebt. Zeitdruck, Stau, das Gefühl übergangen zu werden – und schon ist die Lücke genutzt, bevor eine Entscheidung stattgefunden hat. Hinterher wäre vielleicht alles anders. Im Moment gab es keinen Spielraum. Wer betroffen fragt, würde Kalkulation abstreiten – und hätte damit sogar recht. Das ist Affekt.
Die dritte interessiert mich am meisten: jemand ist schlicht nicht wirklich da. Nicht im bösen Sinn, sondern im schlichten Sinn. Die kognitive Kapazität reicht nicht, um die eigene Situation vollständig zu erfassen. Was folgt daraus für andere? Nicht auf dem Schirm. Kein Vorsatz, kein Impuls – nur Abwesenheit.
Alle drei Erklärungsmodelle erzeugen dasselbe Bild von außen. Der Unterschied liegt innen. Und dann ist da noch das Auto selbst: Das Infotainmentsystem mit seinen Menüs, Assistenten, Kameras, mit Piepen und Blinken. Die Navigation, die neu berechnet. Das Smartphone, das eingebunden ist. All das erzeugt eine eigentümliche Gewissheit von „Die Technik hält mich sicher.“ Passiert schon nichts. Ich kann kurz weg sein. Ich finds das trügerisch.
Unter Stress fallen Menschen auf einfachere Verarbeitungsmuster zurück. Bei mir fällt mir das manchmal auf, und ich kann es dennoch kaum ändern. Es ist Neurologie, könnte man sagen. Was die Situation komplizierter macht: mehr Verkehr bedeutet mehr Stress, und mehr Stress bedeutet, dass unsichere und ungeduldige Fahrer häufiger aufeinandertreffen. Was dabei entsteht, sieht von außen manchmal aus wie Rücksichtslosigkeit. Manchmal ist es das auch.
Was ich nicht weiß.
Ob das wirklich mehr geworden ist, oder ob ich nur empfänglicher dafür bin. Ob Zahlen meine Wahrnehmung bestätigen würden. Ob es auch regional, saisonal, kulturell, situativ ist – weiß ich nicht.
Was ich weiß: Autofahren ist kein neutrales Geschehen. Es ist ein Raum, in dem Entscheidungen unter Druck fallen – klein, schnell, folgenreich. Und in dem sich zeigt, wie jemand mit begrenzter Zeit, begrenzter Information und begrenzter Geduld umgeht.
Das Steuer in der Hand ist keine große Bühne. Aber sie lügt auch nicht.
Was würde sich ändern, wenn wir jede Fahrt als eine kleine Entscheidung über das Miteinander begreifen würden?
