Verbunden bleiben ist eine Fähigkeit

Manche Menschen halten andere innerlich präsent, auch wenn Du gerade nicht da bist. Bei anderen verblasst Du, sobald du aus dem Raum, dem Chat, dem Leben verschwunden bist. Nicht weil sie Dich wirklich vergessen – sondern weil kein stabiles inneres Bild von Dir bleibt, wenn der Kontakt aussetzt. Es handelt sich nicht um einen Charakterfehler. Es ist vielmehr eine Fähigkeit. Manche haben sie früh gelernt. Manche nie ganz. Eins nach dem anderen:

  1. Es ist etwas anderes, zu wissen, dass es Dich gibt, und zu spüren, dass Du verbunden bist.

    Ein Kind lernt mit etwa anderthalb Jahren: Auch wenn Mama den Raum verlässt, ist sie noch da. Das ist die erste Stufe und man nennt sie Objektpermanenz. Die zweite Stufe kommt später, mit zwei, drei Jahren, und sie ist viel schwerer. Es geht dann um Objektkonstanz. Man muss ein warmes, stabiles Bild der anderen Person im Inneren halten, auch wenn sie gerade weg ist oder der letzte Kontakt frustrierend war. Es ist Kopfsache, wenn man weiß, dass jemand existiert. Es ist etwas anderes, wenn man spürt, dass man noch verbunden ist.

  2. Dabei stellt man sich schnell die Frage, ob man sich auf die Welt verlassen kann.

    Man muss erst wissen, ob man sich auf andere verlassen kann, bevor man sich auf eine Person festlegt. Im Kern geht es also um Vertrauen. Genauer: um Urvertrauen. Ob es sich lohnt, sich anzustrengen. Wer das nicht spürt, ist später immer unsicher, auch wenn der Kopf weiß, dass die Person zuverlässig ist.

  3. Die Verbindung ist aktiv. Wenn man sie nicht benutzt, merkt das zuerst der Körper.

    Es gibt ein bekanntes Experiment (nach Tronick bzw. Stern): Eine Mutter spielt mit ihrem Baby. Dann friert sie ihr Gesicht ein. Das Baby ist bisher ruhig, gerät aber schnell in Stress und wehrt sich. Das ist nicht etwa, weil die Mutter weg ist – sie ist noch da und sitzt direkt davor. Die Antwort kommt aber nicht; Resonanz fehlt. Das passiert auch zwischen Erwachsenen, nur bei uns viel leiser: Die Nachricht, die tagelang unbeantwortet bleibt. Es wird nur noch über Fakten gesprochen, nicht mehr über Gefühle. Das wäre aber eben wichtig. WIeder merkt es der Körper, bevor der Kopf es versteht.

  4. Manche können Deinen Schmerz halten. Andere geben ihn Dir zurück, und sogar größer.

    Es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der stark genug ist, und jemandem, der nicht stark genug ist. Das erste ist eine stille, tragende Fähigkeit. Eine Person hält Deinen Zustand aus, ohne selbst zu kippen. Sie kann Dich „halten“ (und eben nicht nur aushalten) und hat für eigene Reaktionen die Fähigkeit, zum Containment (Winnicott, Bion). Das entscheidet, ob du Dich mit einem schlechten Gefühl zeigen kannst oder ob Du es doch besser für Dich behältst.

  5. Wenn die innere Verbindung nicht reicht, braucht es etwas Greifbares.

    Ein Kind schleppt ein Kuscheltier durch die Wohnung, weil es einen Teil der Mutter selbst ersetzt, wenn sie nicht da ist. Wir Erwachsenen machen das auch, aber weniger auffällig: eine kurze Nachricht, ein Foto, ein Ritual. Es gibt dazu keinen Austausch und keine Tiefe. Es handelt sich lediglich um einen Anker. Wer merkt, dass Nähe nicht mehr reicht, sucht in der Folge keine Nähe mehr. Er braucht mehr solcher Anker als Übergangsobjekte (WInnicott).

Fünf verschiedene Dinge können Deine Verbindung zu jemandem tragen, wenn er gerade nicht da ist: ein inneres Bild von ihm. Ein Grundvertrauen, dass Nähe hält. Eine gespürte Antwort. Das Gefühl, gehalten zu werden. Ein greifbarer Anker wie eine Nachricht oder ein Ritual. Wir wissen meistens gar nicht, was davon bei uns individuell trägt – bis es fehlt und die Verbindung sich plötzlich dünn anfühlt. Ergo ist die Frage ist nicht, ob Du zu bedürftig bist, sondern: Was genau hält Deine Verbindungen, wenn gerade niemand da ist? Wer das weiß, kann gezielt dafür sorgen, dass es hält.

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