Denken an KI outsourcen? Denk darüber nach
Was KI mit unserer Urteilskraft macht: Kognitive Verschuldung durch KI
Neulich bin ich kurz zusammengezuckt: Bevor ich selbst nachdenke, tippe ich eine Frage erstmal ins Fenster. Weitere, eigene Gedanken kommen danach – meistens als Reaktion auf das, was die Maschine schon gesagt hat. Wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen peinlich für jemanden, der auch davon lebt, dass Menschen selbst denken.
Ich bin da also keine Ausnahme, sondern Beleg. Was mir im Kleinen passiert, zeigt sich in der Forschung im Großen – und das ziemlich konsistent. Eine Studie mit über 600 Leuten fand heraus: wer AI-Tools häufig nutzt, zeigt schwächere kritische Denkfähigkeiten, vermittelt über kognitives Offloading. Das bedeutet, dass man das Denken auslagert, statt es selbst zu Ende zu bringen. Wenig überraschend, wenn man mal ehrlich in den eigenen Chatverlauf schaut. PsyPost
Das MIT hat sich nicht mit Behauptungen zufriedengegeben, sondern gemessen. Leute, die Aufsätze mit ChatGPT schrieben, hatten am Ende die schwächste neuronale Konnektivität von allen drei Gruppen, und ausgerechnet in den Bändern, die mit kreativer Ideenfindung zu tun haben. Wer mag, kann sich das wie einen Muskel vorstellen, dem man erzählt, er müsse sich ja nicht mehr anstrengen, und der das anstandslos glaubt. Bonus-Pointe: die Texte der KI-Gruppe waren auffällig homogen – wir erstellen also Einheitsbrei. Selbst als man der Gruppe die KI wieder wegnahm, blieb ihr Denken schwächer als bei denen, die von Anfang an allein gearbeitet hatten. Damit entsteht ein Trainingsrückstand, den man sich offenbar auch selbst einhandelt. TimeWBUR News
Nicht alles daran ist zum Schmunzeln. Klinikpersonal verlor drei Monate nach Einführung von KI-Unterstützung sechs Prozent seiner Fähigkeit, Tumore ohne KI-Hilfe zu erkennen. Da hört für mich der Sarkasmus auf. arxiv
Ich halte folgendes für wichtig, denn wenn das auftritt, sollten wir aufhorchen:
- Erst die Maschine fragen, dann selbst nachdenken – nicht umgekehrt
- Eine Lösung übernehmen, ohne zu verstehen, wie sie entstanden ist
- Etwas für richtig halten, weil es sich flüssig liest – nicht weil es geprüft wurde
- Unsicherheit bei Aufgaben, die vorher selbstverständlich waren
- Das Gefühl, in Gesprächen zunehmend dieselben drei Gedanken zu hören
- Es wird schwerer, aus dem Stand mehrere eigene Optionen zu finden
Glücklicherweise ist nichts davon unumkehrbar. Es reicht, die Reihenfolge zu drehen. Erst mit mir selbst ringen, dann die Maschine hinzuziehen, dann das Ergebnis gegen die eigene Idee halten statt es zu schlucken. Und sich auch Phasen zu gönnen, in denen man ganz bewusst ohne Tool arbeitet, damit der Muskel nicht komplett verlernt, wofür er da ist. Die KI kann sehr vieles viel besser als wir Menschen. Es wäre jedoch sinnvoll, diese Use Cases bewusst zu gestalten, und nicht automatisch vieles (oder alles) der KI über den Zaun zu werfen.
Eines kann die Maschine aber nicht (oder sehr selten): mir eine Frage zurückgeben, bei der ich selbst ins Stocken gerät. Meist kann ich sehr wohl antworten. Solche Fragen, die nicht mehr auf Mustererkennung basieren, sondern auf dem gegenwärtigen Moment, auf Emergenz, auf Erkenntnis, bleiben Menschenarbeit – das ist vermutlich auch der Grund, warum ich auch mittelfristig nicht ersetzbar werde.
PsyPost (Studie zu kognitivem Offloading, 600+ Teilnehmer): https://www.psypost.org/ai-tools-may-weaken-critical-thinking-skills-by-encouraging-cognitive-offloading-study-suggests/
Time (MIT-Studie, neuronale Konnektivität): https://time.com/7295195/ai-chatgpt-google-learning-school/
WBUR (ebenfalls zur MIT-Studie): https://www.wbur.org/news/2025/09/16/ai-study-essays-brain-cognition
arXiv (Klinikpersonal, 6 % Verlust bei Tumorerkennung): https://arxiv.org/pdf/2602.21012
