Als was wird ein Kind gewollt?

Als was wurdest Du als Kind gewollt?

Da erzählt mir jemand, er fühle sich nie ganz richtig. Zu viel, zu wenig, „anders“ oder fehl am Platz. Das erreicht mich und das bewegt mich. Ich frage mich dann innerlich: Als was wurde dieses Kind eigentlich gewollt? Die Frage trifft etwas, das ich in Begleitprozessen immer wieder höre, und häufig wird es nicht direkt so gesagt.

Teal Swan beschreibt in The Defective Doll (Link) eine Dynamik: Ein Kind wird nicht primär als eigenes Wesen erlebt, sondern als etwas, das eine Funktion erfüllen soll. Als Beweis oder Trost. Jedenfalls als Verlängerung des eigenen Selbst. Als Möglichkeit, das zu bekommen, was man selbst nie bekommen hat. Das klingt hart, wenn ich es so schreibe. Es geschieht wahrscheinlich fast nie bewusst. Und doch fällt mir eine alte Werbung ein: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Mein Kind.

Ich glaube, die meisten Eltern lieben ihre Kinder von Herzen. Es geht mir darum, was passiert, wenn eigene ungeheilte Bedürfnisse auf jemanden treffen, der sich noch nicht schützen kann. Der junge Mensch fängt dann an, zu lernen: Ich bin sicher, wenn ich passe. Ich darf da sein, wenn ich nicht zu viel bin. Ich werde geliebt, wenn ich beruhige. Das Kind lernt dabei nicht „Meine Eltern waren überfordert.“ So etwas lernen wir, wenn überhaupt, erst viel später. Das Kind lernt „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Das ist der Moment, an dem ich aufhorche. Dabei ist es nicht das dramatische Ereignis an sich, sondern diese eingesickerte Überzeugung, dass das eigene Wesen das Problem ist. Psychologisch gesprochen fehlt so genannte Einstimmung: die Erfahrung, als echtes Gegenüber wahrgenommen zu werden. Nicht als Rolle, nicht als Projektion, sondern als jemand, die so ist, wie sie ist. Wie es weiter geht, ist verschieden. Manche passen sich an bis zur Unkenntlichkeit. Andere bleiben eigenständig und zahlen dafür mit einer Einsamkeit, die sie sich nicht erklären können. Häufig passiert es beides auch abwechselnd und situationsabhängig. Beides ist nicht der Charakter dieses Menschen. Beides ist vielmehr eine Antwort auf eine frühe Frage, die nie klar gestellt wurde: Bin ich willkommen, so wie ich bin? Die eigentliche Frage ist also nicht „Wurde dieses Kind gewollt?“, sondern „Als was wurde dieses Kind gewollt?“.

Ich finde diese Frage unbequem. Auch für mich persönlich, denn sie fragt mich etwas. Die Frage zeigt mir, wie schwer es sein kann, einen anderen Menschen wirklich als eigenes Wesen zu sehen. Und zwar ohne ständige Erwartung, und ohne den Bedarf, gespiegelt zu bekommen, was ich selbst vermisse. Hier verschwimmt für mich auch die Unterscheidung dessen, ob wir noch über frühe Kindheitstage sprechen, oder ob es um das Miteinander auch im Alltag geht. Im Kern geht es darum, ein Gegenüber – und insbesondere ein Kind – als Subjekt mit eigener, einzigartiger Innenwelt wahrzunehmen, und eben nicht als Objekt in meinem emotionalen Haushalt – oder dem der Eltern. Liebe braucht insbesondere in der vorsprachlichen Zeit des Lebens emotionale Präsenz und Neugier. Nicht auf das Kind als Spiegel, sondern auf das Kind als Fremdes, auch als Eigenes, aber unbedingt als etwas noch Unbekanntes.

Vielleicht ist das ein Kern von Reifung: zu merken, wann ich jemanden wahrnehme, und wann ich stattdessen etwas suche. Ich glaube, das gelingt nie vollständig. Aber der Unterschied zwischen jemandem, der es versucht, und jemandem, der es nicht tut, ist spürbar.

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