Wie Du spürst, ob ein Gegenüber Dich wirklich halten kann

Manchmal brauchen wir ein wenig, bis wir uns zeigen. In vielen Räume schließen wir uns schnell wieder. Manchmal nur um Millimeter, und der Körper geht dabei voran und zeigt es.

In meinem Leben habe ich viele Arten von Räumen erlebt: die engen, die übervollen, die gut gemeinten, und dann die wenigen, in denen etwas wirklich tragen konnte. Aus dieser Erfahrung heraus teile ich ein paar Hinweise, die mir geholfen haben:

Wenn erklärt wird, bevor überhaupt Kontakt entstanden ist

Ich erzähle zwei Sätze, und schon liegen Modelle im Raum. Tipps. Deutungen. Erklärungen. Ratschläge. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu lernen, dass meine Worte gehört wurden, aber mein Erleben noch nicht.

Beispiel:
Ich spreche über eine innere Schwere, und statt eines Moments von Resonanz kommt beispielsweise: „Das ist ein Glaubenssatz… den können wir auflösen.“ Für mich ist das heute ein Signal, langsamer zu werden und nicht weiter hineinzusprechen.

Wenn Unruhe im Raum entsteht

Manchmal steigt im Gegenüber etwas auf: ein nervöses Lachen, ein Redefluss, ein spürbares Ausweichen. Ich habe lange gedacht, das hätte mit mir zu tun. Heute weiß ich: Es zeigt, dass der Raum nicht reguliert ist. In Gruppen passiert das häufig; die Gruppendynamik übernimmt. Tatsächlich kann keine einzelne Person etwas dafür.

Beispiel:
Ich atme einmal tiefer – und plötzlich werden zehn Sätze gesprochen, nur um die Stille zu füllen.

Wenn Stille keinen Platz hat

Stille ist für mich oft ein Moment, in dem etwas Wesentliches auftauchen kann. Wenn sie sofort abgewürgt oder zugesprochen wird, verliere ich dann oft den Faden zu mir selbst.

Beispiel:
Ich suche nach Worten; und bevor sie da sind, fällt jemand ein und setzt ein neues Thema.

Wenn meine Emotionen Stress auslösen

Es braucht nicht viel: ein Blick, der abgleitet, eine leichte Anspannung im Körper des anderen. Dann meine ich: Hier muss ich mich wieder zusammennehmen.

Beispiel:
Ich werde traurig. Dann hörte ich oft: „Komm, ist doch nicht so schlimm.“ Doch es ging nicht ums „Schlimm“. Es ging ums Dasein dürfen.

Wenn meine Tiefe als „zu viel“ markiert wird

Diesen Satz kenne ich gut: „Du denkst zu viel.“ Oder: „Mach Dir nicht so einen Kopf.“ Oder „Das ist ja voll verkopft.“ Ich höre darin eine Grenze. Es ist allerdings nicht meine, sondern die des anderen.

Beispiel:
Ich spreche über etwas Existenzielles, und die Reaktion ist zwischen einem „Aha“ und einem genervten „Okay, es geht doch um xyz. Kannst Du’s nicht einfacher sagen?“

Wenn ich in eine Rolle geschoben werde

Der Funktionale. Der Starke. Der Reflektierte. Doch Begleitung entsteht genau dort, wo diese Rollen fallen dürfen.

Beispiel:
Ich spreche über etwas Verletzliches und bekomme zurück: „Du bist doch jemand, der immer alles hinkriegt.“ Ich verschließe mich dann. Lange habe ich es nicht gemerkt.

Wenn der andere in seine eigenen Geschichten kippt

Das kann subtil passieren: Ich bin mitten im Satz und versuche mein Erleben auszudrücken. Plötzlich geht es um etwas ganz anderes. Das Band reißt.

Beispiel:
Ich teile einen Schmerz – und höre dann 15 Minuten über eine frühere Beziehung des anderen. Ich verstehe den Reflex. Aber ich bin in dem Moment allein geblieben.

Wenn der Rhythmus nicht stimmt

Zu schnell. Zu drängend. Zu voll. Begleitung braucht Raum und Zeit. Manchmal nur gemeinsames Atmen,

Beispiel:
Ich brauche eine Minute. Der andere braucht offenbar eher ein Ergebnis.

Wenn Kontakt durch schnelle Lösungen ersetzt wird

Für viele Menschen fühlt sich „helfen“ sicherer an als „halten“. Für mich ist es ein Zeichen, vorsichtig zu werden.

Beispiel:
„Du musst nur…“ – und ich bin wieder im Kopf, statt im Erleben. Hilft mir nicht.

Wenn meine Traurigkeit persönlich genommen wird

Ich sage, dass ich mich allein fühle. Und plötzlich muss ich trösten: „So meinte ich das doch gar nicht.“

Beispiel:
Es geht nicht um Schuld. Es geht um Raum. Manchmal geht es sogar nicht mehr um Worte, sondern um Präsenz.

Was mir hilft, wenn ich eines dieser Signale bemerke

Meinen Körper einen Schritt zurücknehmen und mein Tempo runterfahren (selbst wenn ich mich schon als langsam empfinde).
Nicht weiter öffnen, bevor ein Halt spürbar ist. Und dann Prüfen, ob dieser Raum wirklich trägt.

Echte Begleitung fühlt sich anders an. Leiser. Weiter. Da ist jemand, der anwesend bleibt, auch wenn sich im meinem Inneren etwas verengt. Ich brauche jemanden, der nicht flieht, nicht deutet, nicht instrumentalisiert, sondern Zeuge ist.

Diese Art Räume versuche ich selbst zu halten: in der Krisenbegleitung, in Übergängen, in Entwicklungsprozessen. Räume, in denen Menschen sein dürfen, bevor etwas verändert werden soll. Räume, in denen Tiefe keine Zumutung ist. Das fehlt in unserem Alltag meines Erachtens.

Wenn Du solche Räume suchst, findest Du auf BEgleiter.org verschiedene Formen meiner Arbeit – alle getragen von dieser Haltung.

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